BACK TO TOP

Yojo Christen

DER FRÜHSTARTER

Ein bayerischer Lang Lang will Yojo Christen nicht sein: Seine Musik soll über das Virtuosentum hinausreichen.

Yojo Christen ist erst 21 und hat schon eine bemerkenswerte Karriere gemacht: Der Pianist aus dem Altmühltal spielte als Teenager in Japan, hat vier CDs veröffentlicht und arbeitet an einem Musical sowie an einer Oper.

Die Chance, am Fuße von Schloss Neuschwanstein auf Japaner zu treffen, ist nicht gerade klein, und so war es nicht allzu verwunderlich, dass die Konzertreise nach Fernost in Füssen ihren Anfang nahm: Als der junge Pianist Yojo Christen dort in einem Hotel übte, hörten ihn zufällig Mitglieder der Deutsch-Japanischen Gesellschaft. Wie der Teenager aus dem Altmühltal da so virtuos aufspielte, das schien seine Zuhörer jedenfalls nachhaltig zu beeindrucken. Was folgte, waren eine Einladung, sieben Konzerte in Japan, und eine für einen damals erst 14-Jährigen erstaunliche Erfahrung, dass ihm eine Gruppe enthusiastischer Fans zu jeder Vorstellung nachreiste.

Yojo Christen, heute 21, ist in vielerlei Hinsicht ein Frühstarter. Bereits als Dreijähriger soll ihn der Kasten mit den schwarz-weißen Tasten – im Elternhaus stand ein Flügel – magisch angezogen haben. „Ich wollte wissen, was da rauskommt“, erinnert er sich. Von seinem fünften Lebensjahr an erhielt er Klavierunterricht – nicht von irgendwem, sondern von seinem Stiefvater Franz Hummel, selbst Konzertpianist und später erfolgreicher Komponist. Er hat unter anderem die Musik für das Musical „Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“ geschrieben. Der Stiefsohn zeigte bald ähnlich kreative Anwandlungen.

„Ich wollte schon früh selber Sachen erfinden“, sagt Christen. Und heute ist der Bayer in der Tat nicht nur als Pianist ein gern geladener Protagonist bei Veranstaltungen wie dem Schleswig-Holstein-Festival, sondern hat auch mit seinen Kompositionen Erfolg. Seine Klaviersonate „Zwitschermaschine“, komponiert nach einem Bild von Paul Klee, ist besonders beliebt, und mit dem Stück „Irini“ (Friede) hat Christen 2015 als jüngster Teilnehmer beim internationalen Diabelli-Kompositionswettbewerb den zweiten Preis der Jury und den Publikumspreis gewonnen.

Christen, der eigentlich Johannes heißt, sich aber den Künstlernamen Yojo gegeben hat, wird am Sonntag, 19. November, ein Konzert im Bürgerhaus Haar geben. Schwerpunkt werden dort Klassiker der Klavierliteratur wie Beethovens „Appasionata“ oder Liszts „h-Moll-Sonate“ sein. Keine schlechte Auswahl, für einen, der zwar im Gespräch angenehm zurückhaltend wirkt, aber am Flügel dank seiner stupenden technischen Fähigkeiten gerne explodiert und eher nicht Gefahr läuft, das Auditorium mit kleiner Geste oder zögerlichem Tempo zu ennuyieren. „Ich lang‘ gerne zu“, sagt er schmunzelnd. Dass er schon mal als „bayerischer Lang Lang“ angekündigt wurde, gefällt ihm aber weniger, weil damit eine Reduktion auf die virtuose Klasse einhergeht – die manche dem chinesischen Starpianisten vorwerfen. Christens Spiel ist zwar durchaus von jugendlichem Ungestüm geprägt, das Erfassen der Musik über die auftrumpfende Technik hinaus ist ihm freilich sehr wichtig. „Musik beginnt ja da erst richtig, wo man in die geistigen Dimensionen vordringt.“

Mit Franz Hummel arbeitet er tagtäglich in dessen Haus in Riedenburg zusammen; der 78-Jährige hat ihn geprägt und seine Begabung früh befeuert: „Er ist ein echtes Talent, von ganz eigenartigem Charakter“, sagt Hummel. „Ein Gestalter. Bei ihm klingt es immer anders.“ Perfektion im Rahmen des Gewohnten, wie sie seiner Meinung nach teils an den Musikhochschulen gelehrt wird, ist Hummel zuwider. „Dort gibt es Professoren, die wissen ganz genau, wie man Mozart spielt. Das ist optimal, aber nicht lebendig.“

Auch Christen, der bereits vier CDs (unter anderem mit Eigenkompositionen) eingespielt hat, ist keinesfalls traurig, dass er keine akademische Ausbildung genossen hat, sondern quasi als pianistischer Freigeist im Altmühltal aufwuchs. Derzeit schreibt er mit Hummel an einem Musical, das 2018 in Wien uraufgeführt werden soll. Zudem arbeitet er an einer Oper über Kemal Atatürk. In diesem Jahr wollte er vor allem sein Repertoire erweitern, Konzerte hat er relativ wenig gegeben. Das soll sich aber bald wieder und langfristig ändern. „Ich möchte viel im Ausland konzertieren.“ Gerne auch wieder in Japan.

Quelle: 16.11.2017, Süddeutsche Zeitung, Udo Watter

Check out our
i

Apparently we had reached a great height in the atmosphere, for the sky was a dead black, and the stars had ceased to twinkle.